15. Jungfrau-Marathon 2007 - 4. Langdistanz Berglauf WM 2007
8. September 2007 in Interlaken

Einmal im Leben als Hobbyläufer an einer Weltmeisterschaft teilzunehmen - unmöglich!? Nein, diesen Traum konnte sich erfüllen, wer rechtzeitig zu Beginn 2007 seine Anmeldung zum 15. Jungfrau Marathon in Interlaken abgeschickt hat und Glück bei der Verlosung der Startplätze hatte. Außer mir standen folgende DJK-Starter als "Glückskinder" auf der Starterliste (Rolf Mohr, Siggi Kattermann, Sieglinde Buse, Manfred Haubenthal). Gemeinsam wollten wir im April 2007 mit der Vorbereitung auf dieses "Grossereignis" beginnen.

Doch es kam anders als geplant - Rolf hatte sich zwischenzeitlich aus beruflichen Gründen nach USA abgesetzt und seinen Startplatz an seinen Kollegen Ralf-Peter Snackers abgetreten. Bei Siggi kam es noch viel schlimmer - er musste sich während der Vorbereitung am Knie operieren lassen und hat seine Teilnahme schweren Herzens abgesagt. Er fand aber mit José Maria Rojas aus Heddesheim einen würdigen Vertreter. Die Übertragung der Startnummer von Siggi auf José Maria stellte die Veranstalter allerdings vor Probleme - aufgrund des Vornamens wurde er in die Starterliste bei AK Frauen 50 einsortiert. Erst durch Zusendung mehrerer e-Mails mit "eindeutigen Beweisfotos" durfte er bei den Männern in der AK 50 starten.

Eine gute Vorbereitung auf ein solches Ereignis muss sehr viele "Höhenmeter" enthalten, diese sind aber in unserer Region nur mühsam zu realisieren. So begannen wir gemeinsam alle denkbaren Erhöhungen im näheren Umkreis von Heddesheim zu "erklimmen" - Läufe zur Wachenburg in Weinheim, in den Exotenwald, nach Oberflockenbach und auf den "Weißen Stein" bereicherten während der Sommermonate unser Trainingsprogramm. Sogar Sieglinde und Manfred scheuten den Aufwand nicht, aus Hockenheim zum gemeinsamen Training nach Heddesheim zu kommen.

Nach dieser intensiven und anstrengenden Vorbereitung setzen wir uns am 6. September 2007 mit unseren Fans nach Interlaken in Bewegung.

Strahlend blauer Himmel und Sonnenschein inspirierten uns am Tag vor dem Lauf zu einer Streckenbesichtigung mit der Zahnradbahn, um einige markante Punkte und das Ziel auf der "Kleinen Scheidegg" in Augenschein zu nehmen.

Während von der Bahn aus die erste Hälfte der Strecke weitgehend unproblematisch wirkte, erschien der Anstieg von Lauterbrunnen aus hinauf nach Wengen und ins Ziel selbst für die Zahnradbahn ein schier "unüberwindbares Hindernis".

Dennoch genossen wir diesen "Vorbereitungstag" mit toller Aussicht auf die umliegenden Bergriesen Eiger, Mönch und Jungfrau und machten uns nach entsprechender Stärkung wieder auf den Weg ins Tal.

Es folgte die übliche Erledigung der Formalitäten (Abholung der Startnummern und Besuch der Marathon-Messe). Eigens für die WM wurde im Startbereich ein WM-Zelt errichtet, um genügend Platz für die Eröffnungsfeier und Siegerehrung zu haben. Die obligatorische Pasta-Party fand dort auch statt - leider hatten die Nudeln kein "WM-Niveau".

Am nächsten Morgen beim Start viel Getümmel beim Umkleiden und der Gepäckausgabe, nur mit Mühe haben wir uns alle dann rechtzeitig im Startblock der 6 Stunden-Läufer "wieder gefunden".

Der Start aus den "hinteren Reihen" ließ nur erahnen, dass es sich aufgrund der WM doch um ein größeres Ereignis als "nur" den Jungfrau-Marathon handeln musste. Neben dem üblichen Programm mit Fahnenschwingern und Alphornbläsern wurde aus Anlass der WM die Schweizer Nationalhymne gespielt. Die Böllerschüsse zum Start haben dann nicht nur die Läufer aus ihren Gedanken gerissen.

Endlich durfte dann auch unsere 7 er Gruppe mit den Läufern aus Heddesheim und Hockenheim die Startlinie überqueren, immer darauf bedacht, nicht zu schnell anzulaufen und keinen aus der Gruppe zu verlieren. Nach einer Einführungsrunde durch Interlaken mit vielen Zuschauern am Straßenrand, fröhlicher Musik und lautem Kuhglockengeläut ging es bei strahlend blauem Himmel und ange-nehmen Temperaturen um 15 Grad hinaus in Richtung Brienzer See. In den Dörfern erwarteten uns viele Zuschauer und bereiteten uns einen stimmungsvollen Empfang.

Nach der Verpflegungsstelle in Wilderswil bei Km 10 war das gemeinsame Laufen in unserer Gruppe schon vorbei - plötzlich war ich mit Horst aus Hockenheim allein. Wir waren beide der Meinung, dass die anderen hinter uns sind und beschlossen, solange langsam weiterzulaufen, bis die anderen wieder aufgeschlossen haben. So wurde es bis zum Erreichen des Halbmarathons in Lauterbrunnen ein "gemütliches Läufen" - und die anderen kamen immer noch nicht.

Der Hinweis unserer Fans Renate und Vera in Lauterbrunnen, dass die anderen schon längst vorbei gelaufen sind und die Ankündigung des Besenwagens rissen uns "aus dem Schlaf" - wir haben uns nur fassungslos angeschaut und sofort einen höheren Gang eingelegt. Dass wir in Lauterbrunnen beinahe dem Zeitlimit zum Opfer gefallen wären, war Horst und mir zu diesem Zeitpunkt nicht bewusst. Nach einem Zwischenspurt haben wir den Großteil unserer Gruppe bei der nächsten Kontrollstelle bei KM 26 wieder getroffen.

Nun ging es in den steilen Anstieg hinauf nach Wengen. Mehr als 20 Kehren mit bis zu 20 % Steigung sind zu bewältigen. Zu meiner eigenen Überraschung konnte ich diesen anspruchsvollen Teil der Strecke ohne muskuläre Probleme überwinden und freute mich auf den Zwischenstopp bei KM 30 in Wengen. Renate und Vera erwarteten mich am Ortseingang.

Nach einer kurzen Stärkung ging es gleich weiter, leider konnte ich keinen mehr aus unserer Gruppe entdecken. So machte ich mich allein auf den Weg durch Wengen auf die letzten 12 km.

Das Dorf war prächtig geschmückt, die Stimmung der vielen Zuschauer grandios allerdings nur bis zum Ortsende. Dort war einige Minuten zuvor der Rettungshubschrauber gelandet, damit der Notarzt einen ohnmächtigen Läufer am Rand der Strecke versorgen konnte.

Solche Situationen machen immer sehr nachdenklich und man beginnt zu überlegen - fühlt man sich tatsächlich noch gut, gibt es Anzeichen für Probleme?

Nach einigen Sekunden des "In-sich-gehens" war die Frage beantwortet - einfach weiterlaufen - es war noch genügend Zeit, um im Limit von 6:30 zu bleiben.

Wo immer es das Streckenprofil zuließ, bin ich locker gelaufen, bei starken Steigungen gegangen. Dadurch ist es mir gelungen, aufkommende "Reklamationen" der Muskeln frühzeitig zu unterdrücken.

Die Aussicht auf die umliegenden schneebedeckten Berge Eiger, Mönch und Jungfrau wurde immer schöner.

Dann vor mir die Zielläuferin für 6 Std. mit ihrem gelben Ballon unter dem Arm und noch zwei Läufern im Schlepptau. Ich hatte fast 37 km benötigt, um sie einzuholen. Sie versicherte mir, dass sie unter 6 Std laufen wird - im ersten Moment auch für mich ein verlockendes Ziel.

Dann musste ich plötzlich selber die Erfahrung machen, was es mit dem viel diskutierten "Stau in der Moräne", dem letzten Streckenabschnitt vor dem Ziel, auf sich hat. Es ist wie bei einer vierspurigen Autobahn, die sich zu einer Fahrspur verengt. Der Weg wird dort plötzlich so eng, dass die Läufer nur noch hintereinander gehen können. Wartezeiten bis zu 10 Min. müssen in Kauf genommen werden, bis sich der Stau aufgelöst hat und alle "eingereiht " sind. Leider gibt es viele Unverbesserliche, die sich durch Drängen und Überholen eine bessere Plazierung erhoffen.

Am meisten hat mich "erschüttert", dass auch die "offizielle Zeitläuferin" für 6 Std alles daran gesetzt hat "ihren Auftrag" oder den der Organisation zu erfüllen und sich unsportlich an den Wartenden vorbei gedrängelt hat. Mit Rücksicht auf die geduldig wartenden Läufer-/-innen habe ich mich lieber "eingereiht" und auf meine Zielzeit von 6 Stunden verzichtet. So bin mit 6:06 eben 5 Min. später ins Ziel gekommen.

Die Zwangspause beim Aufstieg in die Moräne konnte ich gut zur Regeneration nutzen, die Bewältigung des letzten Anstiegs mit 400 m Höhendifferenz auf 2 Km war dadurch völlig unproblematisch.

Ich konnte mich voll und ganz auf die Umgebung konzentrieren und den Ausblick auf die herrliche Bergwelt genießen.

Auf dem Weg zum Ziel passiert man noch die Stelle mit den Alphornbläsern, bevor endlich der Dudelsackpfeifer zu hören und sehen ist. Gerade als ich an ihm vorbei laufe, fängt er an "Oh, when the Saints go marchin' in …" zu spielen. Ich bekomme Gänsehaut - ein unvergessliches Erlebnis, bevor es dann in Richtung Ziel geht.

Ralf-Peter hat mich dort freudig empfangen. Gemeinsam haben wir uns über unsere Zielankunft gefreut und auf die anderen gewartet. Dann steht plötzlich Jose neben uns und berichtet, dass er bei der letzten Kontrollstelle bei km 38 wegen 5 Minuten Zeitüber-schreitung gemeinsam mit einem Läufer aus Hockenheim aus dem Rennen genommen wurde.

Wir wollten das nicht glauben - erst als José's Entäuschung sichtbar war, wurde es auch uns bewusst. 4 km vor dem Ziel aufhören zu müssen, ist sehr bitter, insb. weil noch eine Stunde Zeit bis zum Zielschluss war. José hatte beim Aufstieg nach Wengen Muskelkrämpfe bekommen, die er behandeln ließ und hatte dadurch wertvolle Zeit verloren. Die ganze Vorbereitung ohne Probleme absolviert und dann so was ...

Das hat sich natürlich auch auf unsere Stimmung ausgewirkt, die Freude über unsere eigene Leistung war verflogen. Sieglinde und Manfred sind kurz danach ebenfalls gut ins Ziel gekommen. Als einzigen Trost konnten wir José anbieten, ihn bei seinem "nächsten Versuch" mit "Rat und Tat" bei der Vorbereitung zu unterstützen.

Hubert Schlick