Frustbewältigung - Nachtmarathon statt Dämmermarathon

Liebe "Mitläufer"

genau wie ihr, war ich nach dem "ausgefallenen Marathon" in Mannheim auf der Suche nach einer kurzfristigen Alternative zur "Frustbewältigung". Der Nachtmarathon in Biel war eine der zur Auswahl stehenden Alternativen. Statt Dämmermarathon in Mannheim ein Nachtmarathon, warum eigentlich nicht? Das wäre doch mal etwas Neues und gleichzeitig die Möglichkeit, Marion und Holger vor und nach dem Start beim 100 km Lauf moralisch zu unterstützen.

Nachdem der Start in die neue Arbeitswoche nach dem Pfingsturlaub sehr stressig verlief, habe ich alle Pläne für einen Marathon verworfen, zumal das Training nach Abschluß der Vorbereitung auf den Mannheim-Marathon auf ein Minimum reduziert war. Doch plötzlich kam letzten Donnerstag Abend der "innere Ruf", eine Fahrkarte nach Biel zu kaufen und die Laufsachen einzupacken. Einfach mal die Lage vor Ort sondieren und schauen, was dort abgeht. Außerdem hatte die Wettervorhersage endlich den Beginn des Sommers angekündigt. Wenn nicht Laufen, dann eben das Rennen der "Ultras" live verfolgen.

Nach der Ankunft in Biel am Freitag um 18.00 Uhr Fahrt mit dem Bus zum Startplatz am Eisstadion. Wie bei jeder großen Laufveranstaltung das gewohnte Bild - Marathon-Messe, Anmeldung, Verpflegungszelt und viele, viele "Ultras". Zur großen Überraschung gab es in der Halle sogar eine Großbildleinwand mit der Übertragung des Spiels der deutschen Mannschaft.

Für den Start zum Bieler Nachmarathon waren zu diesem Zeitpunkt nur ca. 150 Läufer angemeldet, 10 Minuten später kam ein "Nachmelder" aus Heddesheim hinzu. Um wenigstens eine "Minimalvorbereitung" auf die bevorstehenden Strapazen zu absolvieren, sofortiger Gang ins Verpflegungszelt, um eine Riesenportion Spaghettis zu vertilgen. Als ich Holger und Marion tel. über meine Anwesenheit informierte, hielten sie es für einen "bösen Scherz". So richtig glauben konnten sie es erst, als wir uns in der Halle getroffen haben. Als "Überraschungsgast" kam dann auch noch Cornelia, die einen Aufenthalt bei Ihren Schwiegerneltern in Bern zu einem Abstecher nach Biel genutzt hat.

Um 22.00 Uhr haben sich dann ca. 1800 Läufer auf die 100 km Strecke gemacht, der Start für den Marathon war eine halbe Stunde später. Nachdem die "Ultras" weg waren, sind plötzlich auch die meisten Zuschauer verschwunden. Zurückblieb eine Handvoll Läufer, die auf dem Rücken ein Schild mit dem Aufdruck "Marathon" trugen. Da wurde mir plötzlich die untergeordnete Bedeutung des Marathons bei den Bieler Lauftagen bewusst. Zuerst dachte ich, der Start für den Nachmarathon findet an einer anderen Stelle statt - aber nein, der Sprecher hat dann die noch verbliebenen Läufer zum Start aufgefordert. Selbst beim Heddesheimer Silversterlauf oder in Wilhelmsfeld konnte ich noch nie von soweit vorne starten - rechts neben mir stand ein Schild vom 100 km-Lauf, das den Startbereich für die "Eliteläufer I" markierte.

Nach dem Start ging es erst einmal kreuz und quer durch die Innenstadt von Biel. Angesichts der sommerlichen Temperaturen waren noch viele Zuschauer an der Strecke. Wie bei jedem Marathon, immer der persönliche Vorsatz, den Lauf langsam anzugehen. Dass ich dieses Vorhaben erfolgreich umgesetzt habe, konnte ich dem Kommentar eines Streckenpostens entnehmen , der über sein Funkgerät die Meldung absetzte, dass der Marathon jetzt auch "durch" ist. Ein kurzer Blick nach hinten bestätigte meine Befürchtung, ich war ganz hinten - nach mir kam niemand mehr !! Oberste Devise jetzt war, die Ruhe zu bewahren und wenigstens den Anschluss nach vorne nicht verlieren.

Bei angenehmen äußeren Bedingungen und Vollmond ging es nach 6 km von Biel hinaus und durch umliegenden Dörfer in Richtung Süden. Vom Studium des Streckenprofils hatte ich eine "bedrohliche" Erhebung bei km 5 in Erinnerung. Für diesen Berg hatte ich mir vorgenommen, auf jeden Fall zu gehen, um Körner für die weitere Strecke zu sparen. Dieser Anstieg mit einer Höhendifferenz von 150 Höhenmeter kam aber schon bei km 9, ohne dass es mir bewusst war. Deshalb bin ich auch nicht gegangen, sondern den endlos wirkenden Anstieg hoch gelaufen, um den Anschluss an das Hauptfeld nicht zu verlieren.

Der Ausblick von dieser Anhöhe auf Biel und die Umgebung war traumhaft. Erst beim "bergab-laufen" war zu spüren, wie steil der Aufstieg zu diesem "Hügel" war. Anschließend verlief die Strecke über mehr oder weniger flaches Gelände, das durch den Vollmond noch relativ gut beleuchtet war. Bei den Schotterstrecken mußte man lediglich auf viele Schlaglöcher achten. Die Ortschaften, durch die wir gelaufen sind, waren auch nach Mitternacht aufgrund der angenehmen Temperaturen noch gut bevölkert, für die Läufer gab es noch reichlich Applaus. Ich bin abwechselnd allein oder hinter einer kleinen Gruppe in sehr gleichmäßigem Tempo bis KM 25 gelaufen, die in knapp 3 Stunden erreicht waren.

Ab hier änderte sich schlagartig alles - Hubert plötzlich im Wald ganz allein !!. Die vor mir laufenden Marathonis haben mich an der nächsten langen Steigungen endgültig abgehängt. Es gab kaum noch Ortschaften, dadurch auch keine künstliche Beleuchtung mehr. Die Temperaturen gingen merklich zurück und das Gelände wurde immer welliger. Beim Durchlaufen von Waldgebieten war es total dunkel, so dass man den Streckenverlauf kaum mehr erkennen konnte. Vor allem konnte man keine Entfernungen mehr abschätzen, wie lange man bergab- bzw. bergauf laufen musste. Dies machte sich dann in einer Art "Seekrankheit" bemerkbar - vielleicht war es auch die einsetzende Müdigkeit, der Körper fühlte sich plötzlich nicht mehr so wohl wie zu Beginn. Um für den Endspurt gut gerüstet zu sein, habe ich daraufhin alle verfügbaren Vorräte an Powergel und Ultrapower aufgebraucht und an der nächsten Verpflegungsstelle mit allem ergänzt, was der Körper noch aufnehmen konnte. Die Folge war, dass es dem Körper hinterher noch schlechter ging und der Magen den Inhalt umgehend wieder loswerden wollte. Aber nach ca 1 km setzte endlich die leistungssteigernde Wirkung für die letzten 12 km ein. Erschwerend war, dass es nur alle 10 km einen Hinweis auf die zurückgelegte Strecke gab und die Schilder bei Dunkelheit kaum zu waren.

Auf der Strecke war nun wieder etwas mehr Betrieb, zum einen waren noch viele Marschierer vom Militärs unterwegs, zum anderen konnte man die ersten Läufer des 100 km-Laufs überholen. Mein Tempo war nun etwas langsamer, aber bis ins Ziel immer gleichmäßig. Wie bei jedem Marathon waren die letzten 3 - 4 km die "längsten". Meine Hoffnung, ich hätte das 40 km Schild in er Dunkelheit übersehen, erfüllte sich leider nicht. Endlich kam die lang herbei gesehnte Ortschaft mit dem Namen Oberramsern, in dem das Ziel sein sollte. Der Zieleinlauf nach 4:59:52 war völlig unromantisch - keine jubelnden Zuschauermassen - über die rote Matte, ein kurzer Piepston, Chip abgeben - Medaille umhängen - das war's.

Das änderte aber nichts an meiner Freude, diesen Lauf im mehr oder weniger im "Alleingang" bewältigt zu haben. Ich habe noch keinen Lauf erlebt, bei dem ich mit anderen Läufern kein einziges Wort wechseln konnte. Nach dem Umziehen und einem ersten Frühstück (Bratwurst) kam nach einer halbstündigen Wartezeit der sehnlichst erwartete Bus, der die Marathonläufer wieder nach Biel zurückgebracht hat. Da es im Bus schön warm war, konnte die Fahrt gar nicht lange genug dauern. Da unterwegs an einer Sammelstelle noch Läufer des 100 km-Laufs aufgenommen wurden, die den Lauf leider nicht fortsetzen konnten, dauerte die Rückfahrt fast 2 Stunden.

Die wohlverdiente Dusche und Massage sowie die aufgehende Sonne, haben den Samstag Morgen "traumhaft" beginnen lassen. Die einzige Aufgabe war jetzt nur noch, die leeren Speicher wieder aufzufüllen und auf den Zieleinlauf von Marion und Holger zu warten. Sie kamen überglücklich und wohlbehalten nach 14 Std und 37 Min. ins Ziel. Man wird in der einschlägigen Fachpresse sicher noch viel zu dieser fantastischen Leistung lesen können.

Hubert