NYC - New York Marathon am 04. November 2007

Es war alles ganz anders und doch wieder nicht. Woran lag es? Vielleicht am Flug oder an der Zeitumstellung. Keine Ahnung. Irgendwie nahm die Euphorie täglich zu. Sie war plötzlich da und erfasste jeden, ob er wollte oder nicht. Die Faszination hatte viele gepackt, auch wenn beim Frühstück möglichst über andere Themen gesprochen wurde.

Dann war er da, der Tag "X" . Er schlug mit ganzer Macht zu: 5 Uhr aufstehen, husch-husch ins Bad, Klamotten nochmals überprüfen, ja nichts vergessen. Rechtzeitig in den Fahrstuhl springen ( na ja, bei 34 Stockwerken kann es schon mal 10-15 Minuten dauern, bis man unten - sprich im EG - ankommt ) und der Bus wartete nicht. Der fuhr pünktlich um 6 in Richtung Start an die Verrazano-Brücke ( Staten Island ).

Ich war dann im grünen Startblock zu finden. Der letzte - nach blau und orange. Auch meine Mitstreiter - die beiden Rolfs, die Lore, sowie Michael, Bernd, Heike und Gunter, die wir vor Ort kennen gelernt hatten. Sie alle wollten langsam mit mir laufen.

Außerdem war es so früh am Morgen - es war kurz vor halber Achte - noch richtig kalt und das Frühstück gab es erst jetzt. Amerikanisch! Nicht unbedingt heute morgen mein Favorit. Aber, da musste ich durch. Hatte zusätzlich Klamotten über den Laufsachen an, die ich nach dem Start wegwerfen konnte. War eine gute Empfehlung von Rolf1, der hier ja schon zum zweiten Male antreten durfte. Aber irgendwie muss ich auf dem Flug oder sonst wo doch abgenommen haben. Zu Hause passte die Hose noch, hier jedoch musste ich sie andauernd festhalten, weil sie rutschte. Na ja, vielleicht lag es auch an dem heute etwas leichteren Frühstück ( keine Rühr- eier mit Bratkartoffeln und Toast, kein Müsli und... und... ).

Die Sonne kam langsam durch den Dunst und es versprach ein verdammt guter Tag zu werden.

Dann war es endlich soweit. Pünktlich um Uhr 10.10 erfolgte der Start. Wir hatten allerdings immer noch Zeit, waren wir doch die "Letzten".

Schließlich - nach ca. 35 Minuten - waren auch wir mit von der Partie. Es war warm geworden und wir konnten spätestens jetzt, uns aller überflüssiger Kleidungsstücke entledigen.

Start Verrazano-Brücke und dann ab nach Brooklyn. Es lief super und bald hatten Rolf1 und Michael gefunkt: Ihr seid zu schnell. Stimmte auch. Nach meiner Marschtabelle waren wir bei Meile 3 = km 4,83 - ach ja, ich vergass, wir laufen heute ja nicht nach KM sondern nach Meilen - also, nach meinem Zeitplan waren wir rund 4 Minuten zu früh dran. War ja auch kein Wunder: Als letzte Startgruppe hatten wir niemanden bei einer leicht geänderten Streckenführung vor uns und somit noch viel Platz, was sich dann aber bald ändern sollte. Zu diesem Zeitpunkt war die Lore schon weg, Rolf1 und Michael ließen es gemütlicher weiterlaufen und Rolf2, Gunter, Bernd, Heike und ich, blieben bei dem Tempo. Die Zuschauer, die Euphorie, die gute Stimmung in unserer Truppe, trug dazu bei, dass wir weiterhin ganz entspannt einen 6.30iger Schnitt halten konnten. Trotz fotografieren, zick-zack-laufen und immer mal wieder kurz stehen bleiben und wieder beschleunigen, um die anderen wieder einzuholen, die uns durch das Fotoshooting enteilt waren. Ihr könnt Euch denken, Laufrhythmus Fehlanzeige.

Trotzdem, die vielen tausend Zuschauer, der Lauf, es war einfach phänomenal. Wir hatten gar keine Zeit an unsere ach so kleinen Wehwehchen zu denken. Die Stimmung hatte jeden beflügelt und somit war meine Marschtabelle, gelinde gesagt am A...im Eimer.

Bei Meile 9 das erste Power Gel reingeschoben. Ich dachte, sicher ist sicher, obwohl man einfach den Eindruck hatte, heute brauchste solche Mittelchen überhaupt nicht. Auch waren wir nur am Überholen. Ich glaube, so viele Teilnehmer wie hier, habe ich / haben wir noch nie überholt.

So ging es durch Brooklin, immer weiter nach Norden. Unsere Heike - hatte ihren Namen groß aufgedruckt - wurde bei den "Heiki - Heiki" rufen auch immer schneller und war kaum noch zu bremsen. Durch meine papierne Halskette in Schwarz-Rot-Gold, hatte ich mich ja als Deutscher geoutet und wurde immer wieder mit "Hallo Deutschland" ( das waren die Deutschen ) oder "Hello Germany" oder "Germany Go" ( das waren die New Yorker ) angefeuert. Es war einfach riesig.

Dann, bei Meile 11 = 17,7 km der erste Wermutstropfen für unsere Gruppe: Der Bernd hatte Probleme mit dem linken Fuß und Schmerzen und musste dadurch leider etwas kürzer treten.

Wir erreichten nun Queens ( über eine Brücke ohne Namen ) und waren bei Halbzeit ( Meile 13.1 = 21,1 km ) nur noch viere, aber zügig ging es weiter. Wir hielten nach wie vor problemlos unser bisheriges Tempo.

Glücklicherweise hatte sich die Sonne schon längst hinter einigen Wolken versteckt, so dass der Tag angenehm, aber für uns Läufer nicht zu heiß geworden war. Und trocken war je eh angesagt, somit war alles bestens. Ausserdem gab es etwa alle 3-4 km Getränkestationen. Vermisst habe ich allerdings warmen, gesüßten Tee. So wurde nur Wasser und Gatorade angeboten und die Versorgung mit Essbarem ließ m. E. arg zu wünschen übrig.

Inzwischen hatten wir die Queensboro-Bridge ( bei km 25 ) erreicht und zum ersten Mal waren wir in Manhattan und das zweite Power Gel musste dran glauben. Nun ging es fast 4 Meilen = 6,44 km immer gerade aus, die 1st Avenue hoch, aber eigentlich ging es runter. Endlich - wir hatten plötzlich Platz ohne Ende. Es ging leicht abwärts und Heike und Rolf beschleunigten mal wieder. Die vielen Zuschauer taten ein übriges und so wurden wir immer schneller. Dies tat leider unserem Gunther nicht gut. Er musste abreißen lassen und so war aus unserem Sextett ein Trio geworden. Auch wurde nun Power Gel ohne Ende angeboten. Ich habe gleich drei Beutel abgegriffen und dachte mir, Vorsorge ist besser als Nachsorge. Automatisch gebremst wurden wir dann allerdings beim "Anstieg" zur Willis-Avenue-Bridge zwischen Meile 19 und 20 ( = 32 km ). Fast alle sind gegangen. Rolf und ich haben überholt was das Zeug hielt, denn das war schwer genug, da uns die Geher und langsamen Läufer fast keine Chancen zum Überholen boten und dann hatten wir plötzlich auch noch Heike verloren. Am Ende der Brücke hat uns dann eine Gruppe Dudelsackpfeifer mit Ihrem Spiel erfreut und wir waren in The Bronx.

Rolf und ich fotografierten und hielten nach Heike Ausschau. Sie kam und kam nicht... Wir somit weiter und mit etwas mehr Tempo. Wir hatten immer noch ein gutes Gefühl.

Der Aufenthalt in diesem New Yorker Stadtteil währte allerdings nur kurz, denn über die Madison-Avenue-Bridge ging es wieder zurück nach Manhattan in die 5th Avenue. Auf der Madison war dann extra für uns ein grüner Teppich ausgerollt worden. Super, oder?

Vorbei an Haarlem liefen wir nun wieder gen Süden, am Central Park entlang. Inzwischen hatten wir das Fotografieren zwar nicht eingestellt, es wurde aber schon merklich weniger durch die Linse geschaut. Der Lauf forderte doch langsam aber sicher seinen Tribut.

Es muss so um Meile 22 = 35,4 km gewesen sein, ich hatte gerade mein drittes Power Gel intus, als Rolf zu mir sagte: Kuck mal nach vorne, wer da läuft. Und sieh mal einer an, es war unsere Heike, die uns bei unserer Fotosession mit den Dudelsäcken abhanden gekommen war. Und wir dachten die ganze Zeit, dass sie immer noch hinter uns läuft. So kann man sich irren, nicht wahr! Sie war immer noch gut drauf, allerdings spüre sie - wie wir natürlich auch - langsam ihre Muskulatur. Vor allem die Oberschenkel würden sich von Zeit zu Zeit mal melden, meinte sie zwischendurch.

Auch dieser Streckenteil proppevoll mit Zuschauern, super Stimmung und wir - zum Glück - immer noch mittendrin. Einfach genial.

Und dann - nach rund 23,5 Meilen = 37,8 km ging es rein in den Central Park. Das Ziel somit schon zum Greifen nahe. Es wurde jetzt aber auch Zeit: Heike hatte zu kämpfen und bei mir meldeten sich immer öfter die Oberschenkel. Aber es reichte immer noch zu Späßen mit Rolf und zu kurzen Zwischenspurts. Allerdings wurde es nochmals richtig eng: Der Central Park entpuppte sich als Berg- und Talbahn. Nichts mit gemütlich auslaufen. Da wurde echt nochmals alles gefordert. Und dann - fast am Ziel - Meile 24 = 38,6 km - nur noch runde 4 km zu laufen. Super, wir waren gleich da.

Endlich - sogar die Amis hatten mit uns ein Einsehen - der letzte Kilometer wurde in zweihunderter Schritten - also in Metern - angezeigt. Es kamen die 1000 m - 800 m - 600 m - 400 m - 200 m und dann das Ziel. Hurra - es war geschafft. Meine Uhr zeigte 4.32.40. Klasse Zeit, vor allem weil ich ursprünglich doch noch langsamer laufen wollte.

Heike, Rolf und ich waren ganz happy und nahmen voller Stolz die Medaillen entgegen.

Das Abenteuer NYC Marathon war somit erfolgreich abgeschlossen.

Ach übrigens, bevor ich es vergesse, alle aus unserer Truppe haben gefinished. Gratulation!

Jürgen Schöffel