{"id":787,"date":"2022-02-15T21:28:57","date_gmt":"2022-02-15T20:28:57","guid":{"rendered":"https:\/\/www.djk-feudenheim.de\/Triathlon\/test_lore\/wordpress\/?page_id=787"},"modified":"2022-04-30T11:48:48","modified_gmt":"2022-04-30T09:48:48","slug":"2009-wuerzburg-marathon","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.djk-feudenheim.de\/Triathlon\/2009-wuerzburg-marathon\/","title":{"rendered":"Wo die Welt noch in Ordnung ist \u2013 42,2 km in CSU-Land"},"content":{"rendered":"\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.djk-feudenheim.de\/Triathlon\/daten\/bilder_zu_berichten\/wuerzburg-marathon-2009-3.jpg\" vspace=\"10\" hspace=\"10\" align=\"right\"> 23. Mai 2009, Lore und ich fahren von Mannheim gen Osten, den Champion-Chip und ein paar M\u00fcsliriegel im Gep\u00e4ck. Auf einmal wird der blaue Himmel noch blauer, die wenigen Wolken noch wei\u00dfer, die Nase halluziniert den Geruch von Hefewei\u00dfbier \u2013 wir sind in Franken: CSU-Land.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Kongresszentrum von W\u00fcrzburg, angenehm kompakt und \u00fcbersichtlich, architektonisch gelungen im Norden der Altstadt direkt am Mainufer integriert, die Marathonmesse \u2013 davor volles Rohr eine brasilianisch angehauchte Trommlerband \u2013 genauer zwei, die sich abwechseln. Von provinzieller Beschaulichkeit nichts zu sp\u00fcren, es tobt der B\u00e4r. Im kommerziellen Messebereich ein Laufsteg, auf dem eine \u2013 sicherlich streng katholische \u2013 j\u00fcngere Dame Bademoden pr\u00e4sentiert: CSU-Land eben.<\/p>\n\n\n\n<p>Lore muss ich dies erkl\u00e4ren; in einem streng katholischen Land fehlt ja sozusagen die Erfahrung der Reformation, jede S\u00fcnde ist mit Beichten und Ablass aus der Welt zu schaffen, Pfarrer d\u00fcrfen zwar nicht heiraten, aber die Kirche zahlt bis zum dritten Kind die Alimente (so sagt es wenigstens die Mundpropaganda), vielleicht sind auch die Sambabands Zeichen einer tiefen inneren Verbundenheit mit dem ebenfalls streng katholischen Brasilien, das Weltmarktf\u00fchrer f\u00fcr Viagra und Kondome ist. Hier ist die Welt eben noch in Ordnung.<\/p>\n\n\n\n<p>Am selben Abend Treffen mit den Laufkollegen Andreas, Rolf und Bernd samt Begleitung, sowie mit Tochter Iris samt Freund, die uns \u2013 studienhalber hier wohnend \u2013 beherbergen wird, im Restaurant Alte M\u00fchle direkt an der Alten Mainbr\u00fccke, \u00fcber die morgen die Marathonstrecke f\u00fchren wird.<\/p>\n\n\n\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.djk-feudenheim.de\/Triathlon\/daten\/bilder_zu_berichten\/wuerzburg-marathon-2009-1.jpg\" vspace=\"10\" hspace=\"10\" align=\"left\"> Nach dem guten und trotzdem preiswerten Essen schreibt uns die aufmerksame und flinke Bedienung, fr\u00e4nkischer Akzent mit irgendwas dabei, die Rechnung per Hand, addiert die Zahlenkolonnen mit schriftlichem \u00dcbertrag, wie man das fr\u00fcher gelernt hat, und bittet uns, nachzurechnen. \u201cWenn Sie aus&#8230;\u201c, um eine Region zu nennen, deren Idiom sicher nicht das ihre ist, \u201c&#8230;Berlin w\u00e4ren, w\u00fcrden wir vielleicht nachrechnen, aber so&#8230;\u201c \u201cWenn Ihnen das weiterhilft, ich komme aus Griechenland!\u201c Intergration ist hier offenbar kein Thema, hier ist die Welt noch in Ordnung.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir haben die Rechnung nicht \u00fcberpr\u00fcft.<\/p>\n\n\n\n<p>Sonntag morgens eine dreiviertel Stunde vor Start, die Lautsprecheranlage wird erst aufgebaut, ein Typ montiert, 4 m hoch auf der Staplergabel thronend, die Uhr \u00fcber dem Zieleinlauf, Barrikaden werden noch gestellt. Nirgends Hektik, hier wei\u00df man es offenbar noch, \u201ein der Ruhe liegt die Kraft\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Neun Uhr, gnadenlos blauer Himmel, 30 Grad im Schatten werden erwartet, das Starterfeld setzt sich in Bewegung. 8 km in Schleifen durch die nordwestliche Vorstadt, gottseidank gibt es alle zweieinhalb km Wasser, bis die Alte Mainbr\u00fccke gequert wird, wo am Rathausplatz, umgeben von hohen historischen Geb\u00e4uden, die den Schall sch\u00f6n reflektieren, eine Blaskapelle donnert, die erste von vielen absolut hochwertigen Musikgruppen auf der Strecke. Der erste Endorphinschub, trotz der zunehmenden Hitze. Nun geht es mainaufw\u00e4rts, und in Schleifen (W\u00fcrzburg ist klein, die Strecke m\u00e4andert st\u00e4ndig um die Ecken, das geht nicht so wie in New York, einmal l\u00e4ngs und wieder zur\u00fcck) durch den Stadteil Frauenland, welcher in neuerer Zeit erbaut wurde, und deshalb \u2013 das Maintal ist schmal \u2013 auf einem H\u00fcgel liegt. Auf einem H\u00fcgel! Es geht dauernd rauf und runter, fast schon wie beim Weinstra\u00dfenmarathon, wie dort schaut man st\u00e4ndig auf die Weinberge (fr\u00e4nkischer Sylvaner statt pf\u00e4lzischer Riesling, soll aber auch schmecken\u2026). Der Kurs n\u00e4hert sich wieder der Altstadt, Trommelwirbel sind schon zu h\u00f6ren, ein Schlagzeuger hat einen st\u00e4dtischen Papierkorb als Co-Becken in Benutzung, Ideen muss man haben. Vorbei an der f\u00fcrstbisch\u00f6flichen barocken Residenz, deren ber\u00fchmtes Treppenhaus mit dem gr\u00f6\u00dften zusammenh\u00e4ngenden Deckenfresko der Welt, die vier damals bekannten Kontinente zeigend, den Bombenhagel Februar 1945 \u00fcberstand, sodass der Elefant mit dem Steckdosenr\u00fcssel und der Strau\u00df mit den Menschenbeinen noch im Original zu bewundern sind; \u00fcberhaupt bietet der Kaisersaal der Residenz mit zwei Gem\u00e4lden Anschauungsunterricht, wie katholische Geschichte funktioniert(e): Kaiser Friedrich Barbarossa drohte kinderlos zu bleiben, weswegen er eine zweite Ehe anstrebte: Streng verboten, damals. Die L\u00f6sung: Er fand den Bischof von W\u00fcrzburg, der ihn traute, und &#8211; eine Hand w\u00e4scht die andere \u2013 gab ihm daf\u00fcr das Umland, heute ein Teil Unterfrankens, zu Lehen. Der Bischof war zum F\u00fcrstbischof aufgestiegen, bis die sch\u00f6ne Einnahmequelle im Rahmen der S\u00e4kularisation 1804 an Bayern fiel, und damit in die H\u00e4nde der CSU (pardon, das kam erst sp\u00e4ter). Hier blieb die Welt eben in Ordnung.<\/p>\n\n\n\n<p>Km 18, scharfe Ecke, wundersch\u00f6ner \u00fcberraschender Blick auf die Barockkuppel der Pfarrkirche Stift Haug, enge Gassen, die etwas vor der Hitze sch\u00fctzen. Fu\u00dfg\u00e4ngerzone, am Dom vorbei, st\u00e4ndig ein super Publikum, es wird angefeuert, viele Blickkontakte. 90-Grad-Kurve, eine breite Stra\u00dfe hinab zum Main, direkt gegen\u00fcber die steilen Weinberge, dar\u00fcber die Festung Marienberg (da musste der F\u00fcrstbischof wohnen, solange noch die Ritter mit Kanonen schossen, bevor er in die komfortablere Residenz umziehen konnte), ein Wahnsinnsblick, und auch noch leicht bergab: Endorphinsto\u00df!<\/p>\n\n\n\n<p>Nun in Richtung Rathausplatz, durch die enge Glockengasse, wieder eine dieser Sambabands, \u201eSanta Felicidade W\u00fcrzburg\u201c, k\u00fchl zwischen zwei Altstadth\u00e4user gezw\u00e4ngt, und pausenlos Power f\u00fcr die L\u00e4ufer. Dahinter die kontemplative Variante, Kneipe im Schatten mit Bierb\u00e4nken drau\u00dfen, der Typ mit dem Wei\u00dfen sollte zwei Stunden sp\u00e4ter (bei der zweiten Runde) auch noch da sitzen. Rathausplatz: Die donnernde Blaskapelle \u2013 die Stadt dr\u00f6hnt.<\/p>\n\n\n\n<p>Km 21, \u201eMarathon links, Ziel rechts\u201c, es ist Halbzeit, jetzt m\u00fcssen noch ein paar km geschrubbt werden, der Kurs f\u00fchrt auf der westlichen Mainseite weit nach S\u00fcden aus der Stadt hinaus ins Gr\u00fcne. Auf einem Getr\u00e4nkestand ein knallroter SPD-Sonnenschirm: Was ist denn das? Da soll einer sagen, die Franken seien nicht tolerant. Hier ist die Welt eben noch in Ordnung.<\/p>\n\n\n\n<p>Andererseits ist das Wahlkampfplakat f\u00fcr die anstehende Europawahl \u201eNur wer CSU w\u00e4hlt, gibt Bayern in Europa eine eigene Stimme\u201c da schon klarer. Deutschland und dessen so unn\u00f6tige Vielparteienlandschaft sind f\u00fcr einen Bayern nur Folklore. Bleibt nur die Frage: Sind Franken gute Bayern? Im Parkgel\u00e4nde entlang des Mains gibt es noch Wald, sodass die Strecke wenigstens im Schatten verl\u00e4uft&#8230;. &#8211; das h\u00e4tte man nicht denken sollen \u2013 schon geht es \u00fcber Wiesen und Felder, 30 Grad im Schatten ohne Schatten. Immer sch\u00f6n Wasser in Massen \u00fcber Kopf und T-Shirt, und trinken was reingeht. An den Getr\u00e4nkestationen stets der beste Service, jeder Becher wird gereicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Vorort Heidingsfeld, Sound voraus \u201eWir rocken Ihre Party f\u00fcr 150 \u20ac\u201c, Wendepunkt bei km 31, nochmal der Partyrock, Iris und Tim fahren mit dem Rad nebenher und feuern an, die Sonne gl\u00fcht trotzdem, im Ortskern viele CSU-Fahnen Blau mit 12 gelben Sternen im Kreis (habe ich was verwechselt?), und wieder am Mainufer zur\u00fcck in Richtung Zentrum, so langsam wird es z\u00e4h. Wo bleibt die Musik?<\/p>\n\n\n\n<p>Km 37, Altstadtambiente, so langsam haben sich auch die H\u00e4user und die Pflastersteine aufgeheizt, ein altes M\u00fctterchen macht bed\u00e4chtig ihren Weg, schaut her\u00fcber, Blickkontakt, l\u00e4chelt freundlich und sagt \u201eGut\u201c, nickt nochmal: \u201egut!\u201c. \u00dcberhaupt ist auff\u00e4llig, dass der Lauf kaum abgesperrt ist, Passanten, Zuschauer und L\u00e4ufer sind irgendwie eine Einheit, Barrikaden dienen fast nur dazu, den L\u00e4ufern den Weg zu weisen. Ein gemeinsames Fest. Hier ist die Welt einfach noch in Ordnung.<\/p>\n\n\n\n<p>Km 38, zum zweiten Mal an der Residenz vorbei, irgend etwas stimmt nicht. Es ist so leise. Es sind keine Menschen mehr da! Alles wie leergefegt. Ich schaue mich um \u2013 liegt es daran, dass rechts das Parteib\u00fcro der SPD liegt? In der n\u00e4chsten Altstadtgasse: Ein Begr\u00e4bnisunternehmen? Die Uhr zeigt 3:25, d. h. es ist kurz vor halb Eins \u2013 und es wird alles klar: Die Franken sind alle mittagessen! Um zw\u00f6lf geht man zu Tisch. Kein moderner Schnickschnack mit Fast Food und so \u2013 hier ist die Welt noch in Ordnung!<\/p>\n\n\n\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.djk-feudenheim.de\/Triathlon\/daten\/bilder_zu_berichten\/wuerzburg-marathon-2009-2.jpg\" vspace=\"10\" hspace=\"10\" align=\"right\"> Ein letztes Mal an der donnernden Blaskapelle vorbei (eingeflogene Fremdlinge?) \u2013 jetzt erst f\u00e4llt mir auf, dass sie als Piraten verkleidet sind; \u00fcber voll aufgeheiztes Pflaster auf die glutrot im Sonnenglast leuchtende Marienkapelle am Marktplatz zu (so \u00e4hnlich muss wohl das Fegefeuer sein \u2013 die K\u00fchle im Innern der Kirche bleibt ein unerreichbarer Traum), km 41 noch eine Rockband \u201eWir stellen uns immer vor, vor 80 000 Menschen zu spielen\u201c, km 42 dreschen die letzten Franko-Brasilianer auf ihre Trommeln, und noch 200 m Steigung \u00fcber die Matte. Geschafft!<\/p>\n\n\n\n<p>Die Halbmarathonis bilden das Empfangskomittee, Rolf kommt, wie immer entspannt, in kurzem Abstand, Andreas hat die Hitze etwas gebremst (oder waren es die Quasi-Brasilianerinnen?), und langsam weicht die Anspannung. Im Congress Center (genau: Mit Christlichen \u201eC\u2019s\u201c) liegen reihenweise die Massagebed\u00fcrftigen.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00fcrzburg-Marathon 2009 in Stichworten:<\/p>\n\n\n\n<p>Stadt und historisches Ambiente: Note 2, mit Benchmark Florenz<br>Publikum: Note 1-2, mit Benchmark New York<br>Musik, Qualit\u00e4t und Spieldauer: Note 1, Best of Class!<br>Organisation und Betreuung auf der Strecke: Kompliment an Franken!<br>Streckenverlauf mit Steigungen, Kurven, Kopfsteinpflaster &#8211; zusammen mit dem Wetter: Nur f\u00fcr Hartgesottene!<\/p>\n\n\n\n<p>Wer Zweifel an sich und der Welt haben sollte, Midlife Crisis oder andere psychische Instabilit\u00e4ten, wer Orientierung sucht, der ist hier gut aufgehoben, hier, wo die Welt noch in Ordnung ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Gunther Mair<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>23. Mai 2009, Lore und ich fahren von Mannheim gen Osten, den Champion-Chip und ein paar M\u00fcsliriegel im Gep\u00e4ck. 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