{"id":797,"date":"2022-02-19T10:48:08","date_gmt":"2022-02-19T09:48:08","guid":{"rendered":"https:\/\/www.djk-feudenheim.de\/Triathlon\/test_lore\/wordpress\/?page_id=797"},"modified":"2022-02-19T10:57:56","modified_gmt":"2022-02-19T09:57:56","slug":"2009-paris-gunther","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.djk-feudenheim.de\/Triathlon\/2009-paris-gunther\/","title":{"rendered":"Marathon als Kunst betrachtet \u2013 Paris 2009"},"content":{"rendered":"\n<p>Mit der Hochgeschwindigkeitsstrecke ist Paris ab Mannheim eigentlich ein Duathlon: gute 3&nbsp;h Zugfahrt, gute 3 h Laufen, gute 3 h zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<p>Freitag abend angekommen, setzten Lore und ich uns noch in eine der zahllosen Brasserien, kleine Tischchen mit Korbst\u00fchlen auf dem B\u00fcrgersteig, und entdeckten rasch, warum in Paris die St\u00fchle der Stra\u00dfencafes stets alle zur Stra\u00dfe hin ausgerichtet sind. Bei Preisen von 9 \u20ac der halbe Liter Bier trennt sich die Welt in Pariser (und Touristen), die sich das leisten wollen, und in die Anderen \u2013 und die kann man im Sitzen dann gem\u00fctlich \/ gen\u00fcsslich besichtigen, wie sie ohne die Labsal von Speis und Trank vor\u00fcberlaufen m\u00fcssen. Es wurden allerdings Schummler beobachtet \u2013 bei einer Tasse Kaffee (1,80 \u20ac) eine dreiviertel Stunde lang sitzen bleiben.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Samstag ging es auf das Messegl\u00e4nde zum Abholen der Startunterlagen, perfekt organisiert, kein Stau, und erfreulicherweise war der Eintritt in die Marathonmesse hinter der Ausgabe, d. h. \u201efreiwillig\u201c \u2013 sehr fair. So blieb noch viel Zeit f\u00fcr das Mus\u00e9e d\u2019Orsay, ein ehemaliger Bahnhof an der Seine, in dem heute Malerei und Plastik von 1850 \u2013 1892 ausgestellt sind. Nur ein Schelm bemerkt die Differenz 42 \u2013 Marathon der Kunstentwicklung? Los ging es mit Naturalismus (das deckt sich mit der Sicht des Marathonis zu Beginn des Laufes, er sieht die Welt noch wie sie ist), Schlachtengem\u00e4lden mit sovielen Personen pro Bild wie Teilnehmern auf einem km Strecke, Heldenstatuen in allen Posen: Km 5, es l\u00e4uft noch, heute wird es eine Bestzeit. Manet, das ber\u00fchmte Bild \u201eFr\u00fchst\u00fcck im Gras\u201c, mehrere Herren (bekleidet) picknicken im Park mit einer Dame (nackt), das w\u00e4re dann wohl im Parque de Vincennes, km 15, zu erwarten. Monet, die ebenfalls bekannte Serie von 5 Bildern der Kathedrale von Rouen, impressionistisch gemalt, schon etwas verschwommen (Weltsicht des Marathonis bei km 30?), morgens, vormittags, \u00fcber mittags und abends in unterschiedlicher Beleuchtung; was hat der Maler dazwischen gemacht? Vielleicht Trainingsl\u00e4ufe? Aber wahrscheinlich sa\u00df er auf einem dieser Korbst\u00fchle in der Brasserie gegen\u00fcber, trank seinen caf\u00e9 f\u00fcr 5 Centimes und \u00fcberlegte, wovon er seine n\u00e4chste \u00d6lfarbe kaufen k\u00f6nne. 1891 schlie\u00dflich (letzter km!) war der Pointillismus erfunden, Malerei nur aus bunten Punkten, Falschfarben inklusive \u2013 Tunnelblick auf km 41, die reale Welt wird langsam ausgeblendet, das Auge nimmt nur noch ein Farbspiel wahr. Wir wissen, wie es weitergeht, Jahre sp\u00e4ter kam die abstrakte Kunst, vom Typ \u201eschwarzes Quadrat auf schwarzem Grund\u201c, das w\u00e4re dann das Sani-Zelt.<\/p>\n\n\n\n<p>Sonntag morgen geht es los, vor Aufregung noch dreimal aufs Klo gerannt, dann zu Fu\u00df vom nahen Hotel zum Arc de Triomphe; Startaufstellung am Beginn der Champs-Elys\u00e9es. Alles ordentlich aufgeteilt, jeder Startblock hat sein eigenes Feld. Ich gehe rein (Block f\u00fcr Zielzeit 3:45), gemeinsam mit mehreren Tausend Gleichgesinnten. Drinnen gibt es f\u00fcr diese Tausendschaft, ratet mal wieviele Toiletten? ZWEI! Schlange jeweils 40 Personen, Zeit bis zum Start 25 Minuten, also wer da dringend muss, hat ein ernstes Problem. Offenbar sehen die Franzosen den Lauf als vergeistigte, k\u00f6rperlose Kunst an. Immerhin gibt es ein Pissoir, auch dort eine Schlange, 4 Minuten vor dem Start merke ich voll ungl\u00e4ubigem Entsetzen, wie lange manche M\u00e4nner pinkeln k\u00f6nnen. Start, es l\u00e4uft alles recht beh\u00e4big, \u00fcberhaupt wird der Lauf durchgehend relativ gedr\u00e4ngt sein, da zwischendrin und am Ende die Stra\u00dfen und Wege schm\u00e4ler sein werden. Den 1. km mit 5:00 \u201egehast\u201c, um die notorischen Startleichen zu \u00fcberholen, Rolf, der Mitstreiter, verschwindet umgehend aus dem Gesichtsfeld. Dann gehe ich es ruhig an, eigentlich habe ich mir nichts vorgenommen, Trainingspensum wie \u00fcblich unter Wunschsoll, und der Sightseeing-Aspekt ist ja beachtlich. Das Tempo pendelt sich bei 5:20 bis 5:30 ein. Place de la Concorde, in der Mitte der Obelisk, Beutegut von Ramses II aus Luxor, allerdings vom \u00e4gyptischen K\u00f6nig damals tats\u00e4chlich geschenkt (Frankreich war Kolonialmacht, was \u201eGeschenk\u201c so eben hei\u00dft), entlang am Louvre, immer wieder Blicke quer auf die Seine, Place de la Bastille mit der neuen Oper, hupps ein Stau: Ist da die Fu\u00dfg\u00e4ngerampel rot?? Nein, nur die Stra\u00dfenbreite halbiert sich in den H\u00e4userschluchten, das kostet sicherlich 30 Sekunden. Der erste (von drei) Tempol\u00e4ufern der 3:45 mit seiner violetten Fahne \u00fcberholt mich: Ziehen lassen! \u2013 Ich habe ja nichts vor. Park und Chateau de Vincennes, ein riesiger Barockschuppen, in dessen Vorgarten das Schloss von Heidelberg locker reinpassen w\u00fcrde, ein ebenso riesiger Park (km 10-20), da fr\u00fchst\u00fccken wohl die nackten Damen von Manet. Leider \u00fcberholte mich am Parkeingang der zweite Tempol\u00e4ufer (eine Dame, bekleidet), und danach der dritte (m\u00e4nnlich), ganz ganz gem\u00fctlich zog er vorbei, was mich so ablenkte, dass ich verga\u00df, nach den Damen von Manet zu schauen. Statt dessen beschloss ich, da bleib\u2019ste mal dran. Die Beine waren ok, der Atem weniger, vor der Halbzeit das Tempo anziehen, eigentlich ja Bl\u00f6dsinn. Viel essen! Und die externe Wasserk\u00fchlung (es wurden stets Flaschen ausgegeben, sehr hilfreich) verst\u00e4rken. Km 22 &#8211; die Route f\u00fchrt wieder zur\u00fcck in die Innenstadt &#8211; eigentlich, dachte ich mir, ist der zweite Tempol\u00e4ufer (die Dame, immer noch bekleidet) ja nicht sooo&#8230;.weit vorne. Da komm\u2019ste doch hin!? Zwei km Sprint mit 5:00 (Laufstrategen bitte weglesen), und schon war ich dran, ziemlich im Fettbereich, noch 18 zu laufen. Das kann nicht gutgehen. Hatten einige der Heldenstatuen im Mus\u00e9e d\u2019Orsay nicht irgendwie so verkniffene Gesichter? Links k\u00f6nnte man die Kathedrale von Notre Dame sehen, aber der Tunnelblick setzt ein. Jetzt geht es durch einige echte Tunnels, wieder ziemlich eng, runter ordentlich laufen lassen, um die lila Fahnentr\u00e4gerin nicht zu verlieren. Motto dranbleiben koste es was es wolle. Wie schnell 5:20 sind! Nun kommt das touristische Highlight, entlang des Seineufers unterm Eiffelturm vorbei, das Touristenherz lacht, dieser Kilometer tr\u00e4gt einigerma\u00dfen. Ups, schon wieder ein paar Meter auf die Tempol\u00e4uferin verloren. Eine Verpflegungsstelle, zu Banane und Wasser gehechtet ohne Stopp, zu meinem Schrecken hatte ich bemerken m\u00fcssen, dass die (bekleidete) Dame auch ein \u00e4therisches Wesen aus der Welt der Kunst sein muss, denn sie nimmt nie Verpflegung auf \u2013 f\u00fcr Otto Normall\u00e4ufer eine echte Stresssituation \u2013 Atem am Anschlag und eine Banane in der Backe. Raus in den Bois de Boulogne, km 35, also ich komme echt nicht mehr mit und lasse langsam abrei\u00dfen. Das Gro\u00dfhirn sieht schon verschwommen \u2013 Pointillismus im Geiste -, das Kleinhirn beschlie\u00dft, mit optimierter Atemtechnik weiterhin maximal am Ball zu bleiben, die Beine sind immer noch ok. Die Uhr sagt 5:20 plusminus. Im Gr\u00fcnen eine Station mit schottisch klingender Musik, Endorphinproduktion setzt ein, das ber\u00fchmte \u201eGl\u00fccksgef\u00fchl\u201c \u2013 ich versuche es auszunutzen und laufe 200 m etwas schneller. Km 37, die zweite Tempol\u00e4uferin ist auf der geraden Parkallee in der Ferne noch zu sehen, der dritte muss noch hinter mir sein, ich wage nicht mich umzudrehen. Konzentration auf die Atemtechnik. Wasserstation? \u2013 Auslassen, das kostet nur Sekunden. St\u00e4ndig muss man, immer noch, \u00fcberholen, da wohl viele Erstl\u00e4ufer sich die Strecke nicht gut eingeteilt haben; km 40, die Uhr sagt, 33:25, so genau kann ich nicht mehr rechnen, aber f\u00fcr eine Zeit mit 3:45 k\u00f6nnte das gerade noch reichen: Konzentration: Hirn an Lunge \u2013 ein! Hirn an Lunge \u2013 aus! Wie war das mit dem schwarzen Quadrat auf schwarzem Grund? Wie lange 1000 m sein k\u00f6nnen! Die 42 steht auch noch um eine Ecke, die Uhr: 44:03. Der Leser wei\u00df schon, 200 m in 1 min sind 5:00, aber &#8211; ein Wunder \u2013 es geht leicht bergab auf der Zielgeraden Avenue Foch Richtung Arc de Triomphe: Volle Kanne anaerob, atmen ist sp\u00e4ter! Nat\u00fcrlich habe ich auf dem Balken nicht auf die Uhr gedr\u00fcckt, ich war mit Bremsen besch\u00e4ftigt, aber gekotzt an der Barrikade dahinter hat nur mein Nachbar. Wie war jetzt meine Zeit?? Die Bruttouhr zeigt 3:49, damit kann man nat\u00fcrlich nichts anfangen.<\/p>\n\n\n\n<p>Lore holte mich hinter der Zielverpflegung ab, wir verprassten am Nachmittag, nach einer Dusche im Hotel und vor der Heimfahrt im TGV (Zielzeit &lt; 3:45), noch einige Euros in Restaurants und Caf\u00e9s, mit Cr\u00eapes, Cr\u00eame Brul\u00e9e, Eis und Co, und \u2013 die Beine waren immer noch gut &#8211; g\u00f6nnten uns noch einen Blick in den k\u00fcnstlerischen Ultramarathon, sprich das Centre Pompidou mit Werken der Kunst des zwanzigsten Jahrhunderts. Lore fielen sofort eine Serie (nat\u00fcrlich nackter) weiblicher Statuen von Rodin auf, die s\u00e4mtlich auf einem Bein balancierend, sich den zweiten Fu\u00df betrachteten \u2013 wohl eine Blutblase gelaufen?? Neben dem \u201eSchwarzen Quadrat\u201c gab es auch Chagall zu sehen, schwebende Traumgestalten \u2013 die waren wohl endorphingedopt -, sowie Werke des Surrealismus, z. B. von Magritte ein Portr\u00e4t mit Gesicht neben der Person und ihrem Gehirn \u2013 eine gewisse Unordnung bzw. Abschaltung von Gehirnfunktionen soll unter Zuckermangel ja vorkommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Fazit: Aus l\u00e4uferischer Sicht ist die Geschichte der j\u00fcngeren bildenden Kunst einwandfrei zu erkl\u00e4ren \u2013 waren vielleicht alle bedeutenden K\u00fcnstler L\u00e4ufer? Eine neue Frage an die Historiker. Zuhause am sp\u00e4ten Abend im Internet: 3:44:59. Locker!<\/p>\n\n\n\n<p>Gunther Mair<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit der Hochgeschwindigkeitsstrecke ist Paris ab Mannheim eigentlich ein Duathlon: gute 3&nbsp;h Zugfahrt, gute 3 h Laufen, gute 3 h zur\u00fcck. 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